Interview mit dem Vetain-Gründer: Süßstofffreie Supplements, vegane Reinheit und ein bewusster Gegenentwurf zum Mainstream
Vetain-Gründer Philipp Riedl über süßstofffreie Supplements, vegane Proteinqualität und warum bewusster Verzicht zur neuen Premium-Klasse wird.

1. Einleitung
Vetain kennt man vor allem als die vegane Supplement-Marke, die konsequent auf künstliche Süßstoffe verzichtet. Gegründet wurde das Unternehmen 2020 in München von den beiden Sportlern Philipp Riedl und Luca Gruber – aus einem sehr persönlichen Problem heraus: Beide vertrugen klassisches Molkeprotein schlecht und suchten nach einer pflanzlichen Alternative, fanden aber vor allem Produkte, die künstlich schmeckten, sandig waren oder mit langen Zutatenlisten daherkamen. Der Name Vetain ist ein Kunstwort aus „vegan" und „retain" (englisch für bewahren) – Programm für einen Anspruch, der Qualität, Transparenz und Nachhaltigkeit zusammendenkt.
Aus der Idee wurde erst ein Kickstarter-Projekt, dann eine Marke mit einem Sortiment, das längst über Proteinpulver hinausreicht: Clear Protein, Proteinriegel, Toppings sowie Vitamine und Mineralstoffe wie das Vetain Eisen + Vitamin C. Was gleich geblieben ist: der puristische Ansatz. Kein raffinierter Zucker, keine künstlichen Aromen, keine Sucralose – stattdessen Bio-Rohstoffe und eine dezente, natürliche Süße.
Wir haben mit Philipp Riedl über genau diese Haltung gesprochen: über den Süßstoff-Verzicht als strategische Wette, über die technischen Grenzen veganer Rezepturen und über eine Kommunikation, die ihre Kundschaft lieber vorwarnt, als sie zu überreden. Die Antworten geben einen ungeschönten Einblick in eine Marke, die sich bewusst nicht an alle richtet.
2. „Ich will verstehen, was ich esse" – warum der Süßstoff-Verzicht kein Hype ist
Auf die Frage, warum immer mehr Konsument:innen bewusst zu Supplements ohne Süßstoffe greifen, antwortet Riedl mit einer klaren Marktbeobachtung: Menschen läsen heute Zutatenlisten so, wie sie früher nur Kalorientabellen gelesen hätten. Der Antrieb sei dabei weniger ein einzelner Health-Trend als ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber allzu „optimierten" Produkten.
„Wenn ein Proteinpulver nach Erdbeer-Cheesecake schmeckt und null Zucker hat, fragen sich die Leute zu Recht, was da eigentlich drin ist."
Für Riedl ist das kein vorübergehender Hype, sondern ein struktureller Wandel. Sein Argument: Hypes verschwinden, sobald das Neue langweilig wird – der Wunsch, zu verstehen, was man isst, werde aber nicht langweilig. Genährt werde diese Erwartung dauerhaft durch die Transparenzkultur im Netz.
Diese Einordnung ist bemerkenswert, weil sie den Süßstoff-Verzicht nicht als Verkaufsmasche verkauft, sondern als Reaktion auf ein verändertes Ernährungsbewusstsein. Ob dieser Paradigmenwechsel den Massenmarkt erreicht, ist eine andere Frage – dazu später mehr.
Wenn du mehr über die Marke Vetain erfahren möchtest, schau hier mal rein ➡️ Unsere Erfahrungen mit Vetain
3. Die Kehrseite der Süßstoffe – mehr als eine Kalorienfrage
Interessant ist, wie differenziert Riedl beim Thema Süßstoffe bleibt. Ein pauschales Verteufeln lehnt er ab: Die Datenlage zur Sicherheit in zugelassenen Mengen sei solide. Seine Kritik setzt an drei anderen Punkten an.
Erstens sensorisch: Intensive Süße verschiebe die Geschmacksgewöhnung – alles Natürliche schmecke danach fad. Zweitens funktional: Es gebe Hinweise, dass bestimmte Süßstoffe Mikrobiom und Glukoseregulation beeinflussen könnten. Die Forschung sei nicht abschließend, aber genau diese Unsicherheit reiche vielen Konsument:innen als Grund. Drittens ein Verhaltensaspekt, den Riedl besonders betont:
„Süße ohne Kalorien entkoppelt das Belohnungssignal von der tatsächlichen Energiezufuhr."
Wer täglich mehrere stark gesüßte Produkte konsumiere, trainiere sich eine Erwartungshaltung an, die mit echter Ernährung wenig zu tun habe. Das ist eine These, die man nicht teilen muss – bemerkenswert ist aber, dass Riedl sie nicht mit Angst, sondern mit Physiologie begründet. Ausschlaggebend ist für ihn weniger die Sicherheitsfrage als die Gewöhnung, die im Alltag entsteht.
4. Warum Kunden wechseln – Bauchgefühl schlägt Marketing
Spannend ist, was Riedl über die konkreten Wechselgründe seiner Kundschaft erzählt. Der Einstieg sei selten „Gesundheit" im abstrakten Sinn, sondern etwas sehr Konkretes: Verdauungsbeschwerden, Blähungen, ein unangenehmes Mundgefühl nach dem Shake. Zuckeralkohole und hohe Süßstoffdosen würden von vielen schlechter vertragen, als sie selbst denken.
„Wenn diese Symptome nach dem Wechsel verschwinden, ist das das stärkste Argument – es ist spürbar."
Das „Clean Label"-Bedürfnis folge meist erst danach, als eine Art nachträgliche Rationalisierung. Die Leute merkten, dass sie sich mit kurzen, verständlichen Zutatenlisten wohler fühlten. Geschmack sei dabei kein Verzicht, sondern eine Umgewöhnung – viele berichteten, dass natürliche Produkte (wie auch der Vetain Protein Iced Coffee) nach etwa zwei Wochen einfach „richtiger" schmeckten.
Genau dieser Punkt ist im Supplement-Markt selten so offen formuliert. Denn er verlangt vom Kunden etwas, das die meisten Marken vermeiden: Geduld. Wer die ersten zwei Wochen durchhält, bleibt – so zumindest die These.
Wer Vetain ausprobieren möchte, spart mit dem Rabattcode DROPTIME im offiziellen Vetain-Shop.
5. Süßstofffrei, rein, vegan – die Philosophie hinter der Rezeptur
Warum die bewusste Kombination aus süßstofffrei, rein und vegan? Für Riedl beantworten alle drei Werte dieselbe Frage: Was muss wirklich rein – und was ist nur drin, weil es bequem oder billig ist?
„Süßstofffrei heißt, wir verzichten auf den einfachsten Weg zu Akzeptanz."
Rein bedeute, dass jede Zutat eine Funktion haben müsse, die man erklären könne. Vegan sei die logische Konsequenz, weil pflanzliche Rohstoffe mehr Kontrolle über Herkunft und Reinheit gäben und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck reduzierten. Diese Haltung deckt sich mit dem, wofür Vetain von Beginn an steht: Bio-Qualität, plastik- und aluminiumfreie Verpackungen und ein Mehrkomponenten-Protein aus pflanzlichen Quellen wie fermentiertem Erbsen-, Ackerbohnen-, Kürbiskern- und Leinsamenprotein.
Die größte Herausforderung in der Entwicklung sei, dass jeder dieser Werte ein Werkzeug aus der Hand nehme, das die Industrie selbstverständlich nutze. Geschmack, Löslichkeit und Textur müssten ohne diese „Krücken" erreicht werden – das dauere länger und koste mehr. „Das ist aber genau der Punkt", so Riedl. Eine ehrliche Ansage, die auch offenlegt, warum solche Produkte selten die günstigsten im Regal sind.
6. Geschmack ohne Tricks – die technischen Hürden
Beim Thema Geschmack wird Riedl ungewohnt direkt. Ein Protein ohne Süße und ohne künstliche Aromen sei zunächst einmal alles andere als angenehm:
„Ein Protein ohne Süße und ohne künstliche Aromen ist erstmal eine Wand."
Pflanzenproteine brächten Bitternoten und ein erdiges Profil mit. Die Lösung sei kein einzelner Trick, sondern Rohstoffarbeit: Auswahl und Verarbeitung der Proteinquelle, um Bitterstoffe von vornherein zu minimieren, statt sie hinterher zu überdecken. Wo Geschmack zum Einsatz komme, dann über echte, natürliche Komponenten wie Kakao oder Vanille in spürbarer Menge (wie beim Vetain Protein Matcha Latte mit echtem Matcha) – nicht über Aroma-Tröpfchen. Süße, wenn überhaupt, eher dezent über Quellen, die das Mikrobiom nicht belasten – im Vetain Vegan Protein 2.0 setzt die Marke dafür inzwischen auf Mönchsfruchtextrakt..
Überrascht habe ihn, wie viel allein über Mahlgrad und Verarbeitung möglich sei. Den Kompromiss formuliert Riedl offensiv:
„Unsere Produkte sind weniger süß und weniger ‚aufregend' als der Mainstream. Das ist Absicht, kein Defizit."
Diese Selbstbeschreibung ist ehrlich – und riskant. Denn sie schließt genau jene Käufer:innen aus, die intensive Süße gewohnt sind. Vetain scheint das bewusst in Kauf zu nehmen.
7. Gegen den Strom – Abgrenzung zum Mainstream
Während große Marken über immer neue, bunte Flavors und intensive Süße konkurrieren, positioniert sich Vetain über Reduktion. „Wir fragen, was weg kann", fasst Riedl den Ansatz zusammen. Dass das polarisiert, verschweigt er nicht: Wer jahrelang intensive Süße gewohnt sei, sei beim ersten Schluck irritiert – und genau das kommuniziere die Marke vorher, nicht erst hinterher.
„Wir wollen nicht die Marke für alle sein. Wir wollen die Marke für die sein, die bewusst entscheiden."
Diese Ehrlichkeit sei kein Nachteil, sondern Vertrauensaufbau: Die Kund:innen, die nach der kurzen Umgewöhnung bleiben, seien die loyalsten. Aus Redaktionssicht ist das eine klare Nische – und eine bewusste Absage an den Massenmarkt. Ob eine solche Positionierung gegen Marken mit großen Marketingbudgets langfristig bestehen kann, wird sich zeigen. Der Vorteil: Wer die Erwartungshaltung von Anfang an ehrlich setzt, produziert weniger Enttäuschungen.
8. Aufklärung statt Angstverkauf – wo Verantwortung anfängt
Bemerkenswert ist Riedls Haltung zur Grenze zwischen Marketing und Verantwortung. Für ihn ist Aufklärung kein Zusatz zum Marketing, sondern das Produkt selbst:
„Ein gut deklariertes Produkt ist die Aufklärung."
Die Grenze verlaufe dort, wo man anfange, mit Angst zu verkaufen. Es wäre einfach, Süßstoffe zu dämonisieren, um die eigene Linie besser dastehen zu lassen – das mache Vetain bewusst nicht. Man erkläre die Studienlage so differenziert, wie sie sei, auch wenn das weniger knackig klinge. Verantwortung heiße, dem Konsumenten eine echte Entscheidung zu ermöglichen – inklusive der Information, wann er die eigenen Produkte vielleicht gar nicht brauche.
„Marketing hört da auf, wo man dem Kunden die Mündigkeit abspricht."
Das ist eine Aussage mit Haltung – und im Supplement-Markt keine Selbstverständlichkeit. Viele Anbieter arbeiten mit pauschalen Natürlichkeitsversprechen. Dass Vetain den differenzierten Weg wählt, trägt zur Glaubwürdigkeit bei, bedeutet aber auch: Auf die eine oder andere plakative Marketingbotschaft verzichtet man bewusst.
9. Ausblick – wird süßstofffrei irgendwann Standard?
Wohin entwickelt sich der Markt in den nächsten drei bis fünf Jahren? Riedls Prognose ist differenziert: „Süßstofffrei" werde vom Nischenmerkmal zum erklärbaren Standard – aber in einem wachsenden Premiumsegment, nicht flächendeckend. Der Massenmarkt werde weiter auf intensive Süße setzen, weil sie sich verkaufe.
Was sich ändere, sei die Mitte des Marktes: Marken würden gezwungen sein, ihre Zutatenlisten zu verteidigen, und die Erwartung an Transparenz werde zur Hygienebedingung. Er glaube nicht an ein Entweder-oder, sondern an eine Spaltung des Marktes – auf der einen Seite hochoptimierte Geschmacksprodukte, auf der anderen ein wachsendes Segment für Konsument:innen, die Klarheit über Reiz stellen.
„Wir wetten bewusst auf die zweite Seite."
Eine klare Ansage. Sie macht auch deutlich, dass Vetain seine Nische nicht als vorübergehende Marktlücke versteht, sondern als strukturell wachsendes Segment.
10. Unsere Einschätzung: Konsequent oder kompromisslos?
Das Gespräch mit Philipp Riedl zeigt eine Marke mit klarer Linie. Der Verzicht auf künstliche Süßstoffe, die Rohstoffarbeit gegen Bitternoten, die offene Kommunikation der Umgewöhnungsphase – das sind konkrete Entscheidungen, keine leeren Versprechen. Besonders positiv fällt auf, dass Riedl an keiner Stelle mit Angst argumentiert: Er räumt ein, dass Süßstoffe in zugelassenen Mengen als sicher gelten, und begründet den Verzicht mit Gewöhnung, Verträglichkeit und Transparenz statt mit Panikmache. Das ist in dieser Kategorie selten.
Gleichzeitig muss man ehrlich sein: Die Positionierung ist auch eine Einschränkung. Wer intensive Süße gewohnt ist, wird sich umgewöhnen müssen – und nicht jede:r bleibt dabei. Vetain nimmt das bewusst in Kauf und richtet sich lieber an eine kleinere, überzeugte Zielgruppe. Diese Strategie kann funktionieren, verlangt aber Geduld auf beiden Seiten.
Was für die Marke spricht: Der Ansatz ist überprüfbar. Bio-Zertifizierung, laborgeprüfte Chargen und die Kölner-Liste-Zertifizierung für minimiertes Doping-Risiko sind Belege, die über reine Behauptungen hinausgehen. Am Ende gilt aber, was im gesamten Supplement-Markt gilt: Konsequenz allein reicht nicht – Konsument:innen müssen den Unterschied auch schmecken und bereit sein, ihn zu honorieren. Die Grundlage dafür hat Vetain gelegt. Ob der bewusste Verzicht dauerhaft überzeugt, entscheidet am Ende der erste Schluck – und die zwei Wochen danach.